Startseite
  Über...
  Archiv
  Uferlos, bisexuell
  Ritzen Sex & Meerschweinchen
  SVV
  Förderliche Aussagen
  Borderline Persönlichkeitsstörung
  (Pro) Ana
  Meine Mama
  Missbrauch
  Magersucht online
  Alkohol
  "ich will durchhalten"
  Meine Freundin Ana
  Pro Mia
  Todessehnsucht
  Drogen
  bdsm
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Links
   Sophie - eleanor McEvoy
   The Reality of Bulimia
   novafeel
   Pure Ana
   rotetraenen
   Sklavenzentrale
   Orgish Forums (gore)
   Schwedisches Radio
   Lesben Community
   Fettrechner
   Jappy



http://myblog.de/rosengartenbewohner

Gratis bloggen bei
myblog.de





DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48
TEIL 4
Es ist vermutlich kein Zufall, dass viele Borderliner starke Hospitalisierungstendenzen aufweisen: Oft sind die professionellen Helfer die Einzigen, die sich auf Dauer diesen schwierigen Menschen zuwenden. Und so wirken die vielen Klinikaufenthalte auch als Schutz gegen das Leben in einer kalten Effizienzgesellschaft. »Das ist einer der Gründe, warum wir den Aufenthalt bei uns vertraglich auf drei Monate begrenzen«, sagt Bernhardt. »Die Krisen nehmen nämlich häufig zu, wenn eine Entlassung bevorsteht.«
Den Kieler Ärzten ist es freilich nicht gleichgültig, wohin ihre Patientinnen entlassen werden; bis zum Ende der Therapie muss die Wohnsituation geklärt sein. Viele Kranke haben keine eigene Wohnung mehr und keine Familie, zu der sie zurückkehren könnten. Für diese Frauen gibt es in einer 230000-Einwohner-Stadt wie Kiel verschiedene betreute Wohnmodelle, die sich auf Borderline- und Essstörungen spezialisiert haben. Die Kosten für einen teilstationären Aufenthalt mit therapeutischer Begleitung liegen bei etwa 60 Euro pro Tag und werden, je nach Lage der Betroffenen, entweder vom Sozialamt oder von der Bundesagentur für Arbeit übernommen, wenn die Patientin Empfängerin von Arbeitslosengeld II ist.
Ein Krankenhaus mit spezialisiertem Angebot muss darauf achten, dass sich in seinem Windschatten nicht zu viele Wohnangebote für die Zielgruppe etablieren. »Eine Art Borderline-Zuwanderung in die Stadt hätte nichts mehr mit gemeindenaher Psychiatrie zu tun«, sagt Kirstin Bernhardt. Sie kämpft auch deshalb für eine bessere Vernetzung der Therapieangebote, weil es gerade bei den Dauerwohneinrichtungen sehr unterschiedliche Qualitätsstandards gibt.
Nicht immer erscheint die Nachsorge aus Kliniksicht optimal. In Einrichtungen etwa, wo die Betreuer nur in der Woche tagsüber Dienst tun – die Abende und das krisenanfällige Wochenende werden mit Telefonkontakten überbrückt –, können sich jene Merkmale der Krankheit ungehemmt entfalten, die quasi jugendkulturellen Charakter haben: Natürlich wird bei dieser Lernkrankheit nachgeahmt, natürlich schaukeln sich die Patientinnen gegenseitig zu Katastrophenstimmungen hoch. Es gibt ein Phänomen bei Borderline-Erkrankten, das die Mediziner »Queen-of-Darkness-Syndrom« nennen: Jede will die Kränkste sein, diejenige, die am tiefsten schneidet, am wenigsten isst, das größte Mitgefühl verdient.
Fotos von Friedhöfen und Grabsteinen als Zimmerschmuck
Eine wahre Königin der Finsternis richtet sich selbstverständlich auch ihr WG-Zimmer angemessen ein: mit Fotos von nebligen Friedhöfen und Grabsteinen zum Beispiel, mit schwarzen Kerzen und Kreuzen und anderen düsteren Accessoires. An diesem Punkt wird augenfällig, dass es – nicht im seelischen Kern, aber gleichsam an der Oberfläche der Erkrankung – durchaus einen inszenatorischen Teil gibt, der fließend in »normale« Ausdrucksformen der Jugendkultur übergeht. »Letztlich sind Tätowierungen und Piercings an allen nur denkbaren Körperstellen ja auch nur eine Form der (gesellschaftlich akzeptierten) Selbstverletzung«, sagt Franz Resch, der Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Heidelberg.
Auf manchem Arm einer Borderline-Patientin sind Schnitte, die durchaus nicht immer schamhaft verborgen werden, säuberlich nebeneinander angeordnet wie ein makaberer Schmuck – kein Zeichen unkontrollierter Raserei, sondern planvolle Zeichnung des Körpers.
Was uns an der Krankheit bewegen muss, ist die Tatsache, dass der Wahnsinn, der unter dieser gestalteten Oberfläche wütet, gesellschaftlich mitverursacht ist. Es gibt Menschen – einen Täter oder ein ganzes Umfeld –, die schuld daran sind, dass andere Menschen so leben müssen: mit zerstörten Gefühlen, mit Selbstverachtung und dem verzweifelten Bemühen um Zuwendung.
Und eine wachsende Zahl von Eltern ist nicht mehr in der Lage, ihren Kindern die Liebe und Anerkennung zu geben, die ein Mensch zum unbeschadeten Aufwachsen braucht. Die Zahl der Borderline-Kranken wird nicht kleiner werden.
© DIE ZEIT 24.11.2005 Nr.48

Die Eltern sind heute keine Bergführer mehr
Pubertät heute ist vor allem ein Problem zu großer Freiheiten. Alles fließt, ist verhandelbar geworden, es gibt keine verbindlichen Vorgaben für die Lebensgestaltung mehr. Den heranwachsenden Jungen und Mädchen fehlen Bindungen und Anbindungen. Gewissheiten und Grenzen, wichtige Voraussetzungen für die persönliche Identitätsfindung, sind weitgehend verschwunden. Welchen Beruf die Jugendlichen ergreifen, mit wem sie wie und wo zusammenleben wollen - alles müssen sie heute selbst entscheiden. Je mehr gesellschaftliche Normen wegfallen, desto mehr müssen sich die Jugendlichen eigene Normen schaffen. Der Leistungszwang, unter dem jeder Einzelne steht, wird stärker.

TEIL 2
Pubertierende wissen, dass sie ihren erlernten Beruf nicht ein Leben lang ausüben, sie ahnen, dass sie mit demselben Partner oder der Partnerin auch nicht bis ans Lebensende zusammen sein werden. Die neuen Freiheiten erfordern, dass jeder Einzelne "zum Planungsbüro der eigenen Biographie" wird, wie es der Soziologe Ulrich Beck formuliert. Viele Heranwachsende fühlen sich dabei überfordert und allein gelassen. Auf die Eltern können sie oft nicht mehr bauen. "Die sind keine Bergführer mehr, sie kennen den Weg ja auch nicht", sagt Therapeut Resch.
Mit der Verarbeitung neuer Zwänge und Erfahrungen tun sich die Heranwachsenden heute enorm schwer. Der geistig-seelische Reifeprozess hält mit dem physischen nicht Schritt, im Gegenteil: Er hat sich verlangsamt und erstreckt sich oft bis weit übers 20. Lebensjahr. Die Gründe sind vielfältig: Längere Ausbildungszeiten etwa oder auch die Reizüberflutung in den Großstädten werden als Ursachen genannt.
Die Herausbildung einer eigenen, ganzheitlichen Identität, die alle Aspekte des individuellen und gesellschaftlichen Lebens umfasst, von der Berufs- bis zur Partnerwahl, verzögert sich. Was und wer bin ich? Eindeutige Antworten auf die grundlegenden Fragen des Selbstverständnisses sind nicht mehr so leicht zu geben wie noch vor zwei Jahrzehnten. Sich in manchen Lebensbereichen nicht oder nicht sofort zu entscheiden, unklar und undeutlich zu bleiben, ist vielfach zur Überlebensstrategie geworden.
Vor allem Mädchen blicken sorgenvoll in die Zukunft, sie schaffen den Einstieg ins Berufsleben auch schlechter als Jungen, obwohl sie im Schnitt die besseren Abschlüsse haben. Weil die Heranwachsenden bei all diesen Veränderungen und Anforderungen gar nicht selbstständig werden wollen und ihnen die Zukunft ohne Perspektive erscheint, wächst die Zahl der Nesthocker. Sie bleiben im Hotel Mama wohnen, einfach weil es so bequem ist. Pädagoge Ziehe erklärt das neue Phänomen pragmatisch: "Die jungen Leute sagen sich: Warum soll ich ausziehen, wenn ich alles darf? Sie sind versorgt und genießen alle Erwachsenenprivilegien."
Zugleich geraten die Pubertierenden mit ihrem Körper in Konflikt und empfinden dessen schnelle Entwicklung als Druck. Die körperliche und geschlechtliche Reife hat sich in den vergangenen 30 Jahren um etwa zwei Jahre nach vorn verlagert. Der erste Samenerguss, die erste Menstruation setzen heute schon im Alter von zwölf Jahren ein und verstören viele. Bessere Ernährung und Versorgung lassen den Nachwuchs schneller gedeihen, zumindest in der westlichen Welt. Fett und Fleisch steigern die Funktion wachstumsfördernder Drüsen. Aber auch Umweltgifte werden als Wachstumskatalysator verdächtigt. Forscher in den USA wiesen beispielsweise nach, dass bei Töchtern von Frauen, die 1973 die Chemikalie PBB (polybromiertes Biphenyl) aufgenommen hatten, die Periode rund ein Jahr früher einsetzte als bei anderen Gleichaltrigen.
Labile Selbstwertgefühle bei der Suche nach sich selbst

TEIL 3
Wer früher reift, hat auch früher Sex. 1994 hatten lediglich 27 Prozent der Jungen und 29 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren zum ersten Mal Geschlechtsverkehr, wie die Forschungsstelle für Sexualwissenschaft in Landau ermittelte. Im Jahr 2000 waren es schon doppelt so viele.
Der Widerstreit zwischen körperlicher Frühreifung und verzögerter geistig-seelischer Reife erschüttert das labile Selbstwertgefühl eines Pubertierenden auf der Suche nach sich selbst. Die "nichtwissende", wenn man so will: die unschuldige Kindheit endet früher, ohne dass die Erwachsenenreife erlangt wäre. "Da gibt es 14-Jährige, die eben noch Sex hatten und im nächsten Moment mit ihrem Meerschweinchen spielen." Die Rollenbilder, sagt Ziehe, seien diffuser geworden - nicht nur in Bezug auf Mann und Frau, sondern auch, was den Übergang vom Kind zum Erwachsenen angeht.
Der gesellschaftliche Wandel ist überall zu spüren, vor allem im kulturellen Umfeld verwischen die Grenzen immer mehr. Die von der Popkultur geprägte Welt der Heranwachsenden - Videoclips, Love Parade und Dancefloor, Anglerhüte und Hängehosen - ist im Begriff, zur Alltagskultur aller Generationen, also auch jener der Eltern zu werden. "Das geht so weit", sagt Ziehe, "dass die Hochkultur immer öfter Anleihen bei der Populärkultur machen muss, um noch Zugang zu einem breiteren Publikum zu finden." So werden jetzt gern Cross-over-Events inszeniert: Die Drei Tenöre singen mit den Spice Girls gemeinsam auf Mallorca; die Berliner Philharmoniker geben zusammen mit den Scorpions ein Konzert auf der Expo in Hannover.
Das hat zweierlei zur Folge. Die Alltagskultur wird "enttraditionalisiert", wie Ziehe sagt, der vorschreibende Charakter der Hochkultur, der "Einschüchterungsgehalt des Bildungskanons", verliert seine Wirkung. Zum anderen fällt es Pubertierenden schwerer, sich gegenüber der Erwachsenenwelt abzugrenzen. Um sich wieder zu spüren, greifen manche zu scharfen Waffen.
Leonie* benutzt kein Stanley-Messer, auch keinen Bic-Rasierer. Sie nimmt Glasscherben, die sie meistens von Flaschenhälsen abgeschlagen hat. Weil sie ritzt, trägt sie auch im Hochsommer langärmelige Blusen und Sweatshirts, unter denen sie ihre vielen, meist längs verlaufenden Narben versteckt. "Ich schäme mich sehr, wenn es heiß ist", sagt Leonie. Die Narben sind dünne, hellrote Linien, sehen aus wie Strichcodes auf Waren. Leonie schneidet nicht tief. Die Gymnasiastin ritzt seit zweieinhalb Jahren. Heute ist sie 15. Am liebsten ritzt sie ihre Unterschenkel, aber die sind manchmal derart zerschnitten, dass sie auf die Arme ausweichen muss. "Wenn ich mit meiner Glasscherbe dasitze, bin ich irgendwie weg", sagt sie. Wenn sie dann zum Schnitt ansetzt und das Blut hervorquillt, "löst ein äußerer Schmerz für einen Moment den inneren ab". Den inneren Schmerz? "Ja, ich habe oft so ein Gefühl, erdrückt zu werden. Es erdrückt mich." Was genau sie erdrückt, kann oder will sie nicht sagen.
Wie bei allen Ritzerinnen beginnt es immer mit einer depressiven Stimmung. Irgendwann gerät Leonie dann in eine Art Trancezustand, erfährt ihre Umgebung nicht mehr als real und empfindet eigene Körperteile als fremd, wie abgetrennt. Der Drang zu schneiden wird übermächtig, das Schmerzempfinden stirbt ab. Der Schnitt wird gesetzt, und mit dem Blut fließt die aufgebaute Spannung ab. Schon bald baut sich erneut eine Spannung auf. So entsteht eine Sucht, es wieder und wieder zu tun.

TEIL 4
Die Schnitte helfen den Betroffenen, unerträgliche Gefühle und Gedanken zu verscheuchen. Ritzen ist kein Selbsttötungsversuch, auch keine eigenständige psychische Erkrankung. Es ist ein Symptom: 80 Prozent der Ritzerinnen sind Borderline-Patientinnen, die sich der Grenzen ihres Ichs unsicher sind. Sie schwanken ständig zwischen Extremen und Unvereinbarem. Die Ursache liegt oft weit zurück, wenn etwa das Kleinkind eine Grenzverletzung durch seelische oder körperliche Gewalt erfahren hat. Wachsen solche Kinder dazu noch in einer Gesellschaft auf, die dem Einzelnen zunehmend weniger Wertschätzung entgegenbringt, werden sie unsicher. Ein stabiles Identitätsgefühl zu entwickeln ist dann fast unmöglich.
Spüren können die jungen Mädchen sich erst wieder, wenn sie ihr Grenzorgan, die Haut, fühlen. "Schlitz es auf, das Glitschhautding", sagt Fritzi im Theaterstück, "dann kann das Raus rein und das Rein raus. Jetzt siehst du von draußen hinein und von drinnen hinaus." Für Therapeuten ist das Ritzen, ähnlich wie bei Piercing und Branding, den harmloseren und gesellschaftlich sanktionierten Varianten der Selbstverletzung, der Appell an die Gesellschaft, eine Suche nach Wahrnehmung und Anerkennung. Vor allem Mädchen fällt es schwer, zu sich selbst zu finden, weil sie auf der Suche nach einer väterlichen Identität sind. Sie wollen Karriere machen und beruflich erfolgreich sein, wie es in der Regel die Väter sind. "Auf keinen Fall", sagt Resch, "wollen sie so unselbstständig und unterdrückt leben wie die Mutter, die vielleicht der intelligentere der beiden Elternteile ist, ihr Leben aber dem des Vaters untergeordnet hat." Trotz Emanzipation, Gleichstellungsbeauftragten und einer gesellschaftlichen Liberalisierung scheint Reschs Befund in weiten Teilen noch immer zu stimmen. Und wer in seiner Pubertät erlebt, dass die Mutter auf Selbstverwirklichung und das Ausleben von Talenten zugunsten des Vaters verzichtet, sucht sich ein starkes Männeridol als Vorbild.
Leonie liebt ihren Vater. Sie schwärmt von ihm. Immer sei er draußen, immer auf Achse gewesen früher, genau wie sie. Leonies Familie wirkt nach außen normal, intakt, privilegiert: Der Vater ist Manager, die Mutter arbeitet Teilzeit im Einzelhandel, der 17-jährige Bruder besucht ebenfalls das Gymnasium. In Hamburg bewohnt man ein hübsches älteres Einfamilienhaus am Waldrand, ruhige Lage. Mit Mutter und Bruder sitzt Leonie am heimischen Esszimmertisch. Der Vater ist auch an diesem Abend nicht da.
Der Vater als Kumpel macht die Abgrenzung schwer
Vereinbart war ein Gespräch über sie und ihre Probleme und über die Gründe fürs Ritzen. Möbel, Wände, Teppiche - alles ist in kaltem Blau-Grau gehalten, der Blick durchs Fenster geht auf einen großen Garten, der von hohen Bäumen gesäumt ist. Das Ambiente: gutbürgerlich und doch etwas lässig, eine Mischung, wie sie oft bei arrivierten Nach-68ern anzutreffen ist. Deren Kinder haben es in der Regel schwerer als Kinder von Eltern, die sich nicht dem Geist der 68er verschreiben. Die Nach-68er-Generation hält sich oft selbst für kritischer, unangepasster und jugendlicher als ihren eigenen Nachwuchs. Es falle diesen Eltern sehr schwer, klar und konsequent zu sein, hat die Frankfurter Jugendtherapeutin Irene Kircher festgestellt. "Sie überfordern sich durch fehlende klare Grenzziehungen, explodieren dann und reagieren mit den gleichen Mitteln, die sie an den Jugendlichen kritisieren."
Viele jener "jugendlichen" Eltern scheuen sich, Grenzen zu ziehen, weil sie diese in ihrer eigenen Kindheit als Strafe und Beschneidung ihrer Persönlichkeit erlebt haben und die Fehler ihrer Eltern nicht wiederholen wollen. Vom "Kumpeltyp" aber, von Eltern, die sich als beste Freunde betrachten wollen, können sich Pubertierende nur schwer lösen - solche Mütter und Väter bieten keine Reibungsfläche und machen eine Abgrenzung schwer. Heranwachsende, das ist aus der Sozialpsychologie bekannt, brauchen Grenzen, um so zu erfahren, was sie können und woran sie sind.

TEIL 5
Kurz gesagt: Jugendliche wollen Eltern mit Erfahrungs- und Wissensvorsprung. Doch die Gesellschaft, mag sie auch stetig altern, gibt sich so verbissen juvenil wie noch nie. Mütter wetteifern mit ihren Töchtern und stecken sich die gleichen Hühnerknochen ins Ohr; Väter ziehen Turnschuhe an, setzen sich Baseballkappen auf und begleiten ihre Söhne auf Popkonzerte. Den Jugendlichen bleiben immer weniger eigene Räume, weil die Eltern sich an denselben Orten breitmachen: Sie besuchen die gleichen Kneipen, die gleichen Kinos. Lohnt sich dann das Erwachsenwerden noch? Wer die Räume seiner Kinder besetzt, sagt der Sankt Gallener Philosoph Dieter Thomä, nehme Pubertierenden das Gefühl des langen, schwierigen Weges, der irgendwann einmal zum Erwachsensein führt. Heute, meint Thomä, scheine die Reise der Kinder auf der Suche nach ihrer Zukunft im Grunde bloß dorthin zu führen, wo sie sich ohnehin schon befänden. Eine stetig verlaufende, gute Entwicklung schließt diese Diagnose aus.
Wie sollen Jugendliche erwachsen werden, da die Erwachsenen immer jugendlicher werden? Auch die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt sind mittlerweile fast ausschließlich auf jugendliche Profile zugeschnitten; Erfahrungen älterer Menschen haben angesichts des permanenten Gesellschaftswandels an Bedeutung verloren. Gefragt sind Mobilität, Anpassungsfähigkeit und notfalls die Bereitschaft, noch einmal ganz neu anzufangen. Auf diesen "Ökonomisierungsdruck" reagieren Pubertierende mit Angstgefühlen. "Wenn ein Kind morgens sagt: Ich habe Fieber, bricht in der Familie schon Panik aus", sagt Therapeut Resch. Früher sei der Vater oder die Mutter einfach zu Hause geblieben. "Heute ist ihnen klar: Das geht nicht, wenn ich nicht riskieren will, meinen Arbeitsplatz zu verlieren." Sofort entstehe Unruhe. "Die Familien haben keine Reserven mehr, keine Zeit und keine Muße."
Der Gesellschaft sind die Rituale abhanden gekommen
Da sie inzwischen ebenso von Gegensätzen und Widersprüchen gekennzeichnet sind wie die Gesellschaft selbst, setzen Pubertierende von heute auf traditionelle Tugenden wie Pflichtbewusstsein oder Hilfsbereitschaft. Sie wollen sich selbst verwirklichen, eigene Fähigkeiten entfalten, zugleich aber auch das Leben genießen. Das sind Ergebnisse der Shell-Jugendstudie. Die einstige Hoffnung ihrer Eltern, die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern zu können, ist bei den Jugendlichen heute einer pragmatischen Haltung gewichen: Sie ergreifen jede sich bietende Chance zur Selbstverwirklichung und engagieren sich nur noch im persönlichen Umfeld.
Manchen Heranwachsenden gelingt es, die Widersprüche aus Pessimismus und Hedonismus, aus Zukunftsangst und materieller Befriedigung aufzulösen oder sogar gleichzeitig zu leben. Anderen aber sind sie "ein Nährboden für Frustration und Zukunftsangst", wie die Freiburger Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel meint. Sie hält "stützende Übergangsrituale", die den Pubertierenden beim Erwachsenwerden helfen, für nötig. Aus postmodernen Gesellschaften sind Rituale - abgesehen von ein paar bedeutungslosen Resten wie Konfirmation oder Jugendweihe - fast völlig verschwunden. Eher bizarr muten deshalb vereinzelte Bemühungen an, gemeinschaftliche Riten wie die "roten Feste", mit denen Mädchen ihre Periode feiern, wiederzubeleben. Was einst Familien oder Vereine leisteten, übernehmen heute Cliquen Gleichaltriger, die so genannten Peers. Die Gruppen geben Halt, zwingen aber auch zur Konformität. Dem entgegengesetzt ist der Trend zur Vereinsamung, den Therapeut Resch seit kurzem beobachtet. "Viele beziehen sich nur noch auf sich." Die praktizierte "Selbstinitiation" kann in schweren Fällen bis zum Selbstmordversuch oder zur Selbstverstümmelung gehen.
Die sonst so offene, freundliche Leonie ist mit einem Mal verschlossen, bringt kaum ein Wort hervor. Das Gespräch über sie und ihre Selbstverletzung geht gründlich daneben. Aus verkniffenen Augen wirft sie ihrer Mutter böse Blicke zu. Und sogleich wirft die Mutter Leonie vor, noch nie Interesse an der Familie gezeigt zu haben: "Sie wollte nicht mit uns am Tisch sitzen und reden." Vor dem Treffen schwärmte Leonie noch davon, wie "cool" ihre Mutter sei. Es ist offenbar eine Hassliebe, die Mutter und Tochter verbindet: Sie kommen nicht miteinander aus, aber auch nicht voneinander los. Therapeuten sprechen von einem Teufelskreis. Wenn die Töchter klein sind, verhalten sich die Mütter sehr widersprüchlich: Mal loben sie ein bestimmtes Verhalten, dann wieder tadeln sie es; mal geben sie sich gluckenhaft, mal abweisend. Mutter und Tochter belauern sich unentwegt.

TEIL 6
Nichts von alledem hat Leonie bis heute aufgearbeitet. Sie hat zwei Therapien abgebrochen, eine ambulante und kürzlich eine stationäre. Sie versuche jetzt, das Ritzen wenigstens einzuschränken, sagt sie. Und sie kiffe weniger, weil Kiffen depressiv macht. "Ich war dauernd depressiv." Und Depressionen lösen den Zwang zum Ritzen aus.
Außerhalb ihrer Familie macht Leonie einen fröhlichen, unbekümmerten Eindruck, auch wenn sie Trauriges erzählt. Ihr rotblondes Haar und ihr mit Sommersprossen übersätes Gesicht verleihen ihr einen herben Charme, etwas Lausbubenhaftes. Sie lacht viel und raucht eine Gauloise Blonde nach der anderen. Ihr Lieblingsthema ist Freund Danilo*, ein Deutschbrasilianer. Ohne ihn ginge es ihr schlechter, meint sie. "Danilo ist echt süß! Er hat schwarze Dreadlocks und sieht so gut aus! Er verbietet mir nix, das Kiffen nicht, das Ritzen nicht. Und er ist besser als meine zwei vorherigen Freunde zusammen. So leidenschaftlich, eben lateinamerikanisches Blut!"
Wenn Leonie über Sex spricht, klingt das so beiläufig, als rede sie über Shoppen bei H & M. Bei ihrem ersten Mal war sie 14, "und es war beschissen!" Sex ist für Jugendliche heute scheinbar kein Problem mehr. Sie müssen nicht erst umständlich eine Gelegenheit schaffen. "Sex hat heute Verabredungscharakter", sagt der Bremer Soziologe Gerhard Amendt. Und anders als in den siebziger Jahren ist heute Sex pur zu haben. "Damals musste man sich erst eine Beziehung erarbeiten und bekam den Sex mitgeliefert", sagt Amendt. "Heute ist es umgekehrt: Sie haben den Sex, kriegen aber die Beziehung nicht hin." Die Beziehung als Wert sei vielen Jugendlichen sogar wichtiger geworden, was eine neue Art von Askese hervorgebracht habe. "Diese Kids wollen erst die Beziehung und dann den Sex." Undenkbar vor 30 Jahren, als Sex ein knappes Gut war. Amendts Selbsterfahrung: "Wir haben gesagt: Wenn se will, um Gottes willen, dann sofort!"
Der enttabuisierte Sex hat auch eine Kehrseite, die den Pubertierenden, zumal den Jungen, zu schaffen macht. Sexualität spielt sich nicht mehr im stillen Kämmerlein ab, wo sich unbeobachtet und unbelastet erste Erfahrungen sammeln ließen. Sex ist zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden und von der die ganze Gesellschaft beherrschenden Leistungsethik nicht abgekoppelt, wie Soziologe Amendt es formuliert. Sex ist für die Jugendlichen also zu einer Sache "des Gelingens und Könnens" geworden und deshalb mit Versagensängsten verbunden. Sie können sich nicht mehr spielerisch darauf einlassen, sondern orientieren sich, so Amendt, "an den ausnahmslos erfolgreichen Vorlagen, die sie in den Medien sehen". Oft werden pubertierende Jungen durch Pornofilme oder -bilder überfordert und entwickeln falschen Ehrgeiz.
Joachim Braun, Sexualberater in Berlin und Autor des Aufklärungsbuchs Gemischte Gefühle, sieht sie täglich, die kleinen verunsicherten Männer von morgen. Geplagt von Ängsten, den Ansprüchen der selbstbewusster gewordenen Mädchen nicht zu genügen, wissen sie nicht, wie Mann denn heutzutage zu sein hat. Der Macho ist verpönt, der Softie gilt als Weichei, und weil es kein Tabu mehr ist, schwul zu sein, fällt heterosexuellen Jungen die Abgrenzung heute viel schwerer als früher.
Der Bedarf an männlichen Leitbildern für pubertierende Jungen ist also denkbar groß. Diese Leitbilder aber waren noch nie so rar wie heute. Die Väter wissen selbst immer weniger, wie sie sein sollen. Die lange unangefochtene Hauptrolle als Ernährer der Familie ist passé - Männer dürfen sich heute sowohl Haushalt und Kindererziehung als auch Berufstätigkeit mit der Frau teilen. Das ist entlastend, bringt den Mann aber auch um seine Privilegien. Nicht jeder kommt damit zurecht. Manche Väter fliehen regelrecht. Sie sind einfach nicht da. So wachsen nicht nur die Söhne alleinerziehender Mütter vaterlos auf, sondern auch zunehmend mehr Kinder, deren Eltern noch zusammenleben. Jungen aber, die ohne Vater groß werden, sind den Statistiken zufolge eher gefährdet, gewalttätig oder drogensüchtig zu werden. Oder falschen Leitfiguren anzuhängen.

TEIL 7
12.48 Uhr. Die Wanduhr im Eingangsfoyer ist stehen geblieben. Der Zeiger bewegt sich nicht, nicht an diesem Tag, nicht an den nächsten Tagen, so, als spiele die wirkliche Uhrzeit keine Rolle. Und irgendwie ist René* ja tatsächlich aus der Zeit gefallen. Sechs Wochen lebt er bereits hier. Oder sind es schon sieben? Er weiß es nicht genau. Er weiß auch nicht, wie lange er noch bleiben muss. Und als gelte es zu verhindern, dass er auch noch aus dem Raum fällt, ist die oberste Etage, in der er in diesem unansehnlichen Sechziger-Jahre-Hochhaus wohnt, ständig abgeschlossen. René ist Patient der Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Vor ein paar Tagen ist er 15 geworden. Der Geburtstag kam ihm wie eine Neugeburt vor.
Sein altes Leben hat René hinter sich gelassen, das neue hat noch keine Kontur. Was wird auf ihn zukommen, wenn er die Klinik verlassen hat? Wer werden seine neuen Freunde sein? Sicher ist nur, dass er das neue Leben nicht zu Hause bei seinen Eltern beginnen wird. Er wird auch nicht mehr in seine alte Hauptschulklasse zurückkehren, sondern in eine betreute Jugendwohngemeinschaft einziehen und eine andere Schule besuchen.
René ist einer, den sie Riesenbaby nennen: fast 1,90 Meter groß und von bulliger Gestalt, das Gesicht jedoch sehr kindlich, offen, verletzlich. Direktem Blickkontakt weicht er zunächst aus. Er kam in die Psychiatrie, weil er sich das Leben nehmen wollte. Hatte sich ein Messer in den Bauch gerammt. Erinnern kann er sich daran nicht mehr. Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt, in diesem Moment war es, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen.
"Früher war ich ein Arschloch, jetzt bin ich gar nichts"
Er stammt aus einfachen Verhältnissen, Vater Arbeiter, Mutter Hausfrau. Der Liebe des Vaters ist er immer hinterhergelaufen. "Nie hat er mich mal in den Arm genommen", sagt René. "Wenn ich mit einem Problem gekommen bin, hat er gesagt: Geh zu Mama!" Auch jetzt, in der Psychiatrie, hat ihn der Vater noch nicht besucht. Nur die Mutter kam und die ältere Schwester. "Ich kann mich nicht in meinen Vater reindenken", sagt er.
Der Junge entwickelte Minderwertigkeitskomplexe, sein Selbstwertgefühl tendierte gegen null. Verlustängste kamen hinzu; es wuchs das Gefühl, dass die Welt unübersichtlich sei. René entwickelte das, was Pädagoge Ziehe "Eindeutigkeitssehnsucht" nennt: eine Sehnsucht nach klaren, übersichtlichen Verhältnissen, Hierarchien, einfachen Lösungen und Gewalt, um sich durchzusetzen.

TEIL 8
Sein Schlüsselerlebnis hatte René vor zwei Jahren, als er zum ersten Mal das Jugendhaus in seinem Stadtteil besuchen wollte. Er traf ausschließlich Türken und andere Ausländer an. Einer baute sich drohend vor ihm auf, zog ein Messer und sagte: "Scheißdeutscher, hau ab! Du hast hier nichts verloren!" Der Leiter des Hauses fügte hinzu: "Besser, wenn du gehst." Eine wahnsinnige Wut und ein ungeheurer Hass auf Ausländer packten ihn da, und René beschloss, Skinhead zu werden, sofort, unverzüglich. Übers Internet hatte er schon Informationen und Kontakte zur Skinhead-Szene Schleswig-Holsteins, die er von da an vertiefte. Er druckte sich Hitler-Bilder aus und hängte sie in seinem Zimmer auf, auch die Reichskriegsflagge. "Mein Vater hat mich dann erst recht nicht mehr mit 'm Arsch angeguckt, er ging nicht mehr mit mir auf Familienfeiern." René kaufte sich Springerstiefel und eine Bomberjacke, rasierte sich eine Glatze. In seinem Viertel, wo es viele Sozialwohnungen gibt, erkannten sie ihn kaum wieder. Es war wie ein Fanal: Andere schlossen sich an und erkoren ihn, das Riesenbaby, zu ihrem Anführer, weil sie ihn für den Größten und Stärksten hielten. Richtig geprügelt habe er sich eigentlich nie, sagt René, meistens hätten er und seine Freunde sich auf das Schüren und Verbreiten von Angst beschränkt. Außerhalb seines Viertels war ihm das unangenehm, im Stadion beim HSV zum Beispiel: Dem Hass standzuhalten, der ihm aus den Blicken anderer Menschen entgegenschlug, sei nicht leicht gewesen. Renés Wut auf Ausländer schwand, als er sich in eine Polin verliebte. Er kam sich in seiner Montur bei ihr auch etwas lächerlich vor. "Eigentlich hab ich gar nix gegen Ausländer", sagt er. Als sich die Freundin von ihm trennte, brach seine Welt zusammen.

Anders als bei Mädchen, die in Krisen dazu neigen, sich selbst zu verletzen und Schmerz zuzufügen, wenden Jungen ihren Frust und ihre Verletztheit als Aggression nach außen. Jungen erpressen und berauben Mitschüler, schlagen und treten Altersgenossen. Mehr als zwei Drittel aller jugendlichen Tatverdächtigen unter 14 Jahren sind Jungen. Von der Gewalt, die sie austeilen, stecken sie auch am meisten wieder ein: Jungen erleiden mehr als doppelt so oft wie Mädchen eine Körperverletzung und werden sogar achtmal häufiger beraubt.
Der Kasseler Psychologieprofessor Harald Euler macht für die Gewaltausbrüche nicht nur den Mangel an männlichen Vorbildern verantwortlich. Eine Rolle spiele auch, dass der Anteil der Lehrerinnen an den Schulen stark gestiegen sei, wodurch das "weibliche" Erziehungsideal der Diskussion und Kooperation statt Konfrontation stärker verbreitet worden sei. Ein kleiner Macho auf Selbstsuche passe sich diesen Wünschen nach diskursiver Konfliktregelung jedoch oft nur oberflächlich an. "Es gibt nicht mehr genug Mutproben und Wettbewerbssituationen", bemängelt Euler. Jungen in der Pubertät suchten ständig nach Herausforderungen. Das zeige sich etwa darin, dass fast nur Jungen risikoreiche Trendsportarten ausübten. Wohlmeinende Pädagog(inn)en, so Euler, unterschlügen allzu gern das evolutionäre Erbe, das auch heute noch jeder männliche Jugendliche in sich trage: Nur der Stärkere setzt sich durch.
René ist aus seinem früheren Leben nur der HSV geblieben. Die Bettwäsche in seinem Klinikzimmer, das er sich mit einem anderen Jungen teilt, ziert ein übergroßes HSV-Emblem, an der Wand hängen eine HSV-Fahne und ein HSV-Schal, daneben ein Wimpel, auf dem steht: "Blau-Weiß ist der Fußballhimmel". Und da sind noch ein paar Skin-CDs, schwarz gebrannt, von den Zillertaler Türkenjägern oder den Landsern. Seine alten Kameraden hätten angefangen, nach ihm zu suchen, hat ihm seine Mutter neulich gesagt. Mit denen will René nichts mehr zu tun haben. Auf dem Nachttisch liegt Sebastian Haffners Buch Anmerkungen zu Hitler, ausgeliehen aus der Klinikbibliothek.
Renés Zeit für Gespräche ist seit kurzem wesentlich eingeschränkt. Auf der Station hat er eine neue Freundin kennen gelernt. "Er hat einen ungeheuren Beziehungshunger", sagt seine Ärztin, und fügt hinzu: "Seine Bedürfnisse sind noch sehr kindlich." Zum Schluss legt René die Türkenjäger-CD auf und sagt kopfschüttelnd zu der martialischen Musik: "Ich war so ein Arschloch!" Und jetzt? "Jetzt bin ich gar nichts."
* Name von der Redaktion geändert



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung