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Magersucht online
Nathalie Roller 06.09.2001

Über 400 US-Websites zelebrieren Anorexie als subversiven Lebensstil
Das Gros dieser "Pro-Ana-Sites" ist via yahoo.com zugänglich, womit man sich freilich den Ärger zahlreicher Gesundheitsorganisationen zugezogen hat.


Sieben Millionen Frauen und eine Million Männer leiden in den USA unter krankhaftem Ernährungsverhalten. 6% von ihnen werden ihr gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme höchstwahrscheinlich nicht überleben. Am 26. Juli beschloss die Vereinigung amerikanischer Anorexiekranker ANAD (National Association of Anorexia nervosa and associated disorders) den zahlreichen Homepages und Onlineforen, in denen Magersucht als Lebensstil und nicht als Krankheit propagiert wird, den Kampf anzusagen: Yahoo! sollte seinen selbstauferlegten Richtlinien, die da u.A. Schutz von Kindern und Jugendlichen lauten, Folge leisten und schleunigst den Zugang zu den 115 gehosteten Pro-Ana-Sites sperren. Ganze 21 wurden zurückgezogen. Wer das Stichwort "pro-anorexia" oder "pro-ana" in die Suchmaschine seiner Wahl eingibt, stößt nach wie vor auf Sites mit den klingenden Namen "Fading into Obscurity", "Dying to be thin", "Born to be skinny" oder "Anorexic Nation". Betreten auf eigene Gefahr, wie die meisten Sites den Besucher zu Beginn warnen.

Fotos von Mädchen, die bis aufs Gerippe abgemagert sind. Fotos und Videos von Magersüchtigen bei ihrem täglichen "Selbstreinigungs-Ritual", dem Übergeben. Zahllose Tipps zum Umgang mit Abführmitteln, zur Überwindung des Hungergefühls oder Tipps, wie man seine Essensverweigerung vor den Eltern oder nahestehenden Personen verheimlichen kann, werden gegeben: man gibt vor zu husten, spuckt den Bissen in die vorgehaltene Hand und sobald niemand hinsieht, wirft man alles in die Mülltonne oder den nächsten Blumentopf. In Online-Tagebüchern kann man den tristen Alltag Magersüchtiger verfolgen: "Ich bin stolz auf mich. Heute hab ich wieder nur ein Glas Pflaumensaft zu mir genommen", steht da u.a. zu lesen. Oder: "Ich werde Kate Moss dick aussehen lassen!". Manche Sites sind extrem aggressiv, wie bspw. "The Genetics of superior Women". Ein detaillierter "Bauplan" des perfekten weiblichen Körpers wird geliefert: der Oberarm muss dünner sein als der Unterarm. Brüste werden als unnötige, herabfallende Säcke beschrieben. Anorexie ist keine Krankheit mehr, sondern der "totale" Sieg über sich selbst und über die anderen, die zu schwach sind, dem Riegel Schokolade zu widerstehen. In den zahlreichen Chatrooms zum Thema sprechen sich die meist weiblichen Magersüchtigen Trost zu oder bestärken sich gegenseitig in ihrer Entscheidung, die Nahrungsaufnahme bis an die Grenzen des Erträglichen zu reduzieren. Man gratuliert sich zu jedem verlorenen Kilo.

Jede Einmischung von Außen, sprich von Eltern, Lehrern, Ärzten wird konsequent verweigert. Die Online-Community scheint für viele der einzige Ort zu sein, an dem Kommunikation noch möglich ist. Laut Ernährungsexperten können oder wollen sich viele Magersucht- oder Bulimiekranke nicht eingestehen, dass sie unter einer schweren, vielleicht sogar lebensgefährlichen Erkrankung leiden. Die Anonymität des Netzes erlaubt es ihnen, aus sicherer Entfernung ihre leidvollen Erfahrungen mit "Gleichgesinnten" auszutauschen.

Seit Yahoo! 21 Pro-Ana-Sites von seinem Server verbannt hat, fühlen sich viele Mädchen und Frauen von ihrer virtuellen, Rückhalt bietenden Gemeinschaft getrennt. "Man hat uns unseren Lebensnerv durchschnitten!", erklärt die 22-jährige Magersüchtige Silent Chaos in einem Interview mit dem Boston Globe.


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Was wir brauchen, sind ein paar Freunde da draußen, die verstehen, was wir durchmachen. Im echten Leben will niemand über unsere Essstörung reden. Die einzigen, die bereit sind, uns zuzuhören, verlangen 100$ die Stunde.


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Angesichts der hohen Behandlungskosten - eine Therapie kann bis zu 7 Jahre in Anspruch nehmen - ist das Betreiben einer Website für manche die einzige Chance, ein wenig Zuwendung und Verständnis in ihrem täglichen Überlebenskampf zu finden.

Selbsthilfe oder Einladung zur Selbstzerstörung?

Experten gestehen zwar einerseits zu, dass diese Onlineforen und Homepages durchaus als Form von Selbsttherapie eingestuft werden könnten - jede Form von Kommunikation ist besser als gar keine -, aber sorgen sich andererseits, um all die potentiell Magersüchtigen und Bulimiekranken, die sich durch solche Sites dazu aufgerufen fühlen könnten, ebenfalls in den Krieg gegen den eigenen Körper zu ziehen. "Wir lassen uns den Mund nicht verbieten! Auch wir haben ein Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit", steht seit dem Yahoobann auf vielen Pro-Ana-Sites zu lesen. Meist gefolgt von einer ausdrücklichen Warnung, die Site nicht zu betreten, falls man Tendenzen zu magersüchtigem Verhalten aufweist oder sich in einer Rekonvaleszenzphase befindet. ANAD will es jedenfalls nicht bei dem an Yahoo ergangenen Ordnungsruf belassen: als nächsten Schritt plant man, sich direkt an die Sitebetreiberinnen zu wenden und sie dazu zu bewegen, ihre Sites vom Netz zu nehmen.

Der Erfolg der Mission ist allerdings zweifelhaft: die Zugriffe auf pro-magersüchtiges Material am Netz hätten seit der Zugangssperre sprunghaft zugenommen, versichert Silent Chaos im Globeinterview. Ihre eigene Homepage namens House of Sins will sie als abschreckendes Beispiel verstanden wissen. Als Beispiel, wie man sein Leben auf keinen Fall führen soll. Denn "Ana", so lautet das Kosewort für Anorexie, ist alles andere als eine liebevolle Freundin:

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Endlich habe ich meine Ana zurück! Wahoo .... es ist so schön! Ich habe 4 Kilo in einer Woche verloren. Ich fühle mich soviel besser mit ihr in meinem Leben. Ana kommt zuerst. Mit ihr habe ich alles unter Kontrolle,

schreibt Silent Chaos in ihrem Onlinetagebuch.
Kontrolle in einer unsicheren Welt


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Anorexie repräsentiert eine Suche nach Sicherheit in einer Welt pluralistischer, jedoch widersprüchlicher Optionen. Der streng kontrollierte Körper ist das Emblem einer sicheren Existenz in einer offenen sozialen Umwelt, schreibt der britische Soziologe Anthony Giddens in "Modernity and Self-Identity" (Cambridge: Polity Press, 1997). In der feministischen Theorie werden Magersucht und Bulimie oft als Ergebnis einer seit Jahrhunderten währenden männlichen Dominanz über die Repräsentation des weiblichen Körpers verstanden. Was zu internen Widersprüchen zwischen den natürlichen, weiblichen Körpermaßen, den gesellschaftlichen Forderungen und der eigenen Körperidentität führen könne. Für den französischen Soziologen Pierre Bourdieu sind die gesellschaftlichen Normen, die den Köper betreffen, so besonders schlagkräftig, weil sie meist auf einer nonverbalen Ebene vermittelt werden, sich also der bewussten Kontrolle des Individuums größtenteils entziehen. In seinem neuesten Werk "Die männliche Herrschaft" (Suhrkamp, 2001) erklärt er, wie die nach wie vor dominierende männliche Vision der Welt -der wir alle ausgesetzt sind- vor allem Frauen in die Position bringe, ihre eigene körperliche Identität durch den Blick der anderen zu definieren. Füge man noch den immer intensiver werdenden Diskurs der Mode-, Kosmetik- und Gesundheitsindustrie hinzu, so könne man kaum noch ermessen, welcher Disziplin und Askese sich Frauen freiwillig unterziehen, um dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen.

Ob nun patriarchalische Strukturen, eine offene Gesellschaft, die Schwächeren keinen Halt bietet oder hilflose Revolte gegen eine instabile Umgebung: die möglichen Erklärungen von selbstmörderischem Essverhalten sind vielfältig und oftmals widersprüchlich. Das US-Yahoo hat der Entscheidung, manche der Pro-Ana-Sites von seinem Server zu nehmen, in seiner News-Sektion gleich einige Seiten gewidmet. Mit einem Werbebanner folgenden Inhalts gleich daneben: "Lose 10 pounds by october 1st!".



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